HNA-Bericht über 150-jähiges Bestehen der TG Wehlheiden

Sie engagieren sich in der TG Wehlheiden: Der Ehrenvorsitzende Peter Nörthemann (links) und der Vorsitzende Harald Gilfert mit der Vereinsfahne auf der Buchenau-Kampfbahn. Foto: Andreas Fischer

Just in diesen Tagen ist ein Bericht über 150 Jahre TGW in der HNA von Redakteurin Ulrike Pflüger-Scherb erschienen, den wir Euch nicht vorenthalten wollen:

Erste Leibesübungen bei Witwe Zindel

Turngemeinde Wehlheiden feiert in diesem Jahr ihren 150. Geburtstag – Erfolgreicher Verein mit Weltrekorden

Von Ulrike Pflüger-Scherb

WEHLHEIDEN. Die Wehlheider sind für ihre Willenskraft und ihr selbstbewusstes Auftreten gegenüber der Stadt Kassel, zu der sie seit 1899 gehören, bekannt. Als sie nach dem Zweiten Weltkrieg einen Übungsplatz im Strack’schen Garten an der Ziegelstraße hatten, entschlossen sich die Mitglieder der Turngemeinde Wehlheiden (TGW), dort einen Geräteschuppen zu bauen.

So sahen Sieger vor 110 Jahren aus: Turner der TGW posieren im Jahr 1908 für das Gruppenfoto. Repros: Andreas Fischer (3)

So sahen Sieger vor 110 Jahren aus: Turner der TGW posieren im Jahr 1908 für das Gruppenfoto. Repros: Andreas Fischer (3)

Turnbruder Eduard John regte deshalb an, dass jedes Mitglied zu jeder Versammlung des Vereins zwei Ziegelsteine mitbringen sollte. Gesagt, getan. 1950 stand der Baugeräteschuppen. Allerdings, ohne dass die Sportler sich zuvor eine Baugenehmigung von der Stadt geholt hätten. Die Stadt setzte durch, dass der illegale Bau wieder abgerissen wurde.

„Wir können uns ja nicht immer gegen alle durchsetzen“, kommentiert Peter Nörthemann, Ehrenvorsitzender der TGW, diese Anekdote. „Damals half auch kein Drohen mit der Wagenrunge“, sagt TGW-Vorsitzender Harald Gilfert.

Dies ist eine Niederlage, die die TGW seit ihrer Gründung im Jahr 1868 erlebt hat. Die Anzahl der Erfolge des heute drittgrößten Kasseler Sportvereins dürfte wohl wesentlich größer sein. In diesem Jahr feiert die TGW, deren Mitglieder zwei Weltkriege miterlebt haben, ihren 150. Geburtstag.

GRÜNDUNG

Am 4. April 1868 gab es im damaligen Dorf Wehlheiden eine Bürgerversammlung. Diese führte vier Tage später zur Gründung der Wehlheider Turngemeinde. Diese stand unter Patenschaft der Älteren Casseler Turngemeinde (ACT) 1848. Der neue Verein war der erste Turnverein im damaligen Landkreis Kassel. Er ist der Ahnherr der heutigen Turngemeinde Wehlheiden. Schon wenige Tage nach der Gründung nahmen die Wehlheider den Turnbetrieb auf; ihr erster Turnplatz befand sich auf dem Grundstück der Witwe Zindel im Kirchweg.

SPORTSTÄTTEN

1902 schafften sich die Vereinsmitglieder den ersten eigenen Turnplatz an der Kohlenstraße. Ab 1907 wurde auch in der Bürgerschule in der Gräfestraße geturnt, nach 1918 auch in der Luisenschule.

Fesche Turnerinnen: Dieses Foto entstand 1931.

Fesche Turnerinnen: Dieses Foto entstand 1931.

1920/21 wurde schließlich vor dem Park Schönfeld auf dem Gelände des heutigen Umwelt- und Gartenamts ein eigener Sportplatz gebaut, der TuRa-Platz hieß. Das lag an dem neuen Namen, den der Verein nach der Fusion mit zwei weiteren Wehlheider Vereinen im Jahr 1919 bekommen hatte. Der lautete Turn- und Rasensportverein Wehl- heiden 1868, kurz: TuRa.

Nach dem Zweiten Weltkrieg und dem Ende der Herrschaft der Nationalsozialisten, unter denen auch die Sport- vereine gleichgeschaltet worden waren, wurde am 30. Juni 1949 im „Wehlheider Hof“ die TGW neu gegründet. Der Eintrag ins Vereinsregister erfolgte 1951 unter dem Namen Turngemeinde Wehlheiden e.V. Damals kamen bereits Gerüchte auf, dass die Stadt den TuRa-Platz für das Gartenamt haben will. Dafür wurde die Buchenau-Kampfbahn gebaut, die 1957 von Oberbürgermeister Lauritz Lauritzen an die TGW, den Kasseler SV und VFB

Süsterfeld übergeben wurde. Die Buchenau-Kampfbahn zählt heute zu Kassels schönsten Sportstätten. 2008/2009 wurde die Kampfbahn nach zähem Ringen mit der Stadt Kassel saniert und bekam eine Kunststofflaufbahn. „Dafür haben wir 25 Jahre gekämpft“ sagen Gilfert und Nörthemann.

Sie engagieren sich in der TG Wehlheiden: Der Ehrenvorsitzende Peter Nörthemann (links) und der Vorsitzende Harald Gilfert mit der Vereinsfahne auf der Buchenau-Kampfbahn. Foto: Andreas Fischer

Sie engagieren sich in der TG Wehlheiden: Der Ehrenvorsitzende Peter Nörthemann (links) und der Vorsitzende Harald Gilfert mit der Vereinsfahne auf der Buchenau-Kampfbahn. Foto: Andreas Fischer

MITGLIEDER

Als die TGW 1949 neu gegründet wurde, gab es 63 Mitglieder. Heutzutage hat der Verein zwölf Abteilungen und 1350 Mitglieder. Durch die neuen Abteilungen Schach, Karate und Inline-Skaterhockey habe man in den vergangenen Jahren 250 neue Mitglieder gewonnen, sagt Gilfert. „Die TGW hat einen soliden, guten Ruf. Deshalb sind diese Sportler an uns herangetreten.“ Diese suchten Vereinsstrukturen und schlossen sich deshalb der TGW an. Rund 50 Prozent der Mitglieder treiben aktiv Sport, sagt Nörthemann.

ERFOLGE

Die Handball- und Volleyballabteilung sind sehr erfolgreich und haben eine gute Außenwirkung. Und die Inline Skaterhockey-Mannschaft hat bei der Europameisterschaft in den Niederlanden im Jahr 2017 den dritten Platz belegt. „Unser Motto lautet: Schon Leistungssport, aber ohne den Breitensport zu vernachlässigen“, sagt Nörthemann. Der Lauftreff der TGW stellte Ende der 1970er-Jahre gleich zwei Weltrekorde auf. Fünf Läufer starteten am 14. Juli 1979 zu einer Treppenlaufstaffel an den Herkuleskaskaden. Zum Schluss schafften sie 134 500 Stufen und den Eintrag ins

Guinnessbuch der Rekorde. Ein Jahr später gab es noch einen Weltrekord: Sechs Läufer trugen 140 Kilometer eine Sänfte durch Nordhessen. Start und Ziel war der neu geschaffene Wehlheider Platz.

Gauturnfest vor 50 Jahren: 1968 entstand dieses Foto auf der Buchenau-Kampfbahn.

Gauturnfest vor 50 Jahren: 1968 entstand dieses Foto auf der Buchenau-Kampfbahn.

ZUKUNFT

Auch in 25 Jahren werde die TGW noch ein aktiver Sportverein sein, vermutlich mit Änderungen im Sportangebot, sagt Gilfert. Vereine müssten gesundheitsorientierte Angebote im Programm haben. Die Jugend werde dem Wett- kampfsport aufgeschlossen bleiben, ältere Menschen wollten gern Sporttreiben und suchten den Weg zu Bewegung und Aktivität und Geselligkeit und Gemeinschaft. Vermutlich müssten sich Vereine in Zukunft auch zusammenschließen, um administrative Tätigkeiten durch hauptberuflich Beschäftigte erledigen zu lassen. Die Ehrenamtlichen könnten dadurch entlastet werden. Es werde immer schwieriger, Menschen zu finden, die eine Funktion im Verein übernehmen können, so der Vorsitzende. Großen Einfluss haben die Anforderungen der Berufswelt. „Wer hat schon wie früher regelmäßig um 17 Uhr Feierabend?“

KIRMES

Das Besondere an der TGW ist, dass sie ihre eigene Kirmes hat. Da schon Anfang des 20. Jahrhunderts die „Jüngere Turngemeinde Wehlheiden“ Kirmesfeiern auf die Beine stellte, wurde diese Tradition nach dem Zweiten Weltkrieg von der neu gegründeten TGW fortgeführt. 1949 wurde die Kirmes zum Beispiel im Wehlheider Hof gefeiert. Die Kirmes stellt seitdem einen wichtigen wirtschaftlichen Faktor für den Verein dar. Mit den Gewinnen ist immer der Sport unterstützt worden. Leider seien die Einnahmen seit Jahren rückläufig, sagt Gilfert. 2005 wurde extra eine Kirmesgemeinschaft gegründet, um die Belastung auf zwei Vorstände zu verteilen. Zudem habe der neue Verein auch steuerrechtliche Vorteile. Die Mitglieder beider Vereine freuen sich auf die Wehlheider Kirmes, die ab Freitag, 17. August, zum 70. Mal gefeiert wird.

Weitere wichtige Termine: 11. August: Wehlheider Volkslauf (Buchenau-Kampfbahn), 26. August: Frauenlauf der TGW (Hessenkampfbahn), 9. September: Sportfest der TGW (Buchenau-Kampfbahn)

Quelle: HNA

Den ganzen Bericht zum Download findet ihr/finden Sie hier: HNA-Bericht 150 Jahre TGW