Gedanken + Fahrplan = ?

Gedankenfahrplan!


Klemens stellte in seiner letzten Dienstags-Trainingsstunde den sogenannten Gedankenfahrplan vor:  Das ist eine Checkliste mit acht Punkten, die ein Spieler im Idealfall innerlich durchgehen sollte, bevor er einen Zug ausführt. In Kurzform sieht er wie folgt aus:

1. Was droht?
2. Taktische Überlegungen
3. Strategische Überlegungen
4. Auswählen von 2-4 Kandidatenzügen
5. Berechnung der Varianten mit den Kandidaten
6. Wahl des Favoriten
7. Kontrolle!
8. Ausführung des Zuges

Gerade für Trainingsanfänger sind die Punkte 1. und 7. ein absolutes Muß: „Was droht der Gegner?“ Diese Frage sollte immer, auch in einfachen Stellungen, gestellt und beantwortet werden. Die Antwort lautet auch manchmal: nichts, aber dann hat man das schon mal geklärt… Und Punkt 7. schützt die Spieler vor Überraschungen oder fehlerhaften Zügen. Wenn der Favorit ein Zug ist, mit dem der Spieler seinen Turm einstellt, hat zwar vorher nichts gedroht, der Zug führt dennoch sofort zum Verlust.

Die komplette, ausführliche Checkliste (Gedankenfahrplan) stelle ich hier  als download zur Verfügung: Gedankenfahrplan

Anhand einer konkreten Partie sollten die Übenden an einzelnen Stellen der Partie den Gedankenfahrplan verinnerlichen:

Karpow – Hjartarson, Seattle 1989

1.  c4 –  e5  (Englisch – entspricht Sizilianisch mit vertauschten Farben; Weiß hat jedoch ein Mehrtempo)
2. Sc3 – Sf6   3. g3 –  d5   4. cxd5 – Sxd5   5. Lg2 (Fianchetto) – Sb6 (schwarz tauscht nicht mit Sxc3, weil Weiß danach mit bxc3 ein starkes Zentrum und die freie B-Linie erhält)   6. Sf3 – Sc6   7. 0-0 – Le7   8. a3 (bereitet b4 vor) – Le6 (hier wirkt der Läufer nach beiden Seiten und steht sehr gut) 9. b4 – 0-0   10. Tb1 – f6 (ich hoffe, Jörg sieht das nicht, hier dient f6 der Stabilisierung des schwarzen Zentrums und ist nicht zu tadeln…)   11. d3 – Dd7.

Stellung vor dem 12. Zug von Weiß

An dieser Stelle hielt Klemens den Film an und forderte die Lernenden auf, einen Favorit auszuwählen. Die Palette war eindrucksvoll: Te1, Se4, Le3 wurden hauptsächlich genannt, für Se4 mit der Idee Sc5 gab es die meisten Punkte: zielt auf c5 mit der Idee, nach Lxc5 bxc5 Druck auf der b-Linie zu bekommen.

12. Se4 – Sd5   13. Dc2 (Sc3 musste verhindert werden) – b6 (um Sc5 zu verhindern)   14. Lb2 – Tac8   15. Tbc1 (Druck auf der c-Linie) – Sd4

Hier war die Frage: Mit welcher Figur schlägt Weiß den Sd4? Ja, mit dem Läufer, da hier der Springer weitaus bessere Perspektiven (c6) hat und überleben soll.

16. Lxd4 – exd4   17. Dc6 (hier schlägt Weiß nicht sofort auf d4 zurück, weil der Springer ungedeckt wäre und Schwarz könnte mit Sxb4 verkomplizieren) – Dxc6   18. Txc6 – Ld7

Es folgt der schönste Zug der Partie (einige haben es geahnt/gesehen!):

19. Sxd4!! (Weiß gibt die Qualität für einen Bauern, um das Druckspiel aufrecht zu erhalten. Ein Rückzug des Turms auf der c-Linie hätte Schwarz zu c5 kommen lassen) – Lxc6   20. Sxc6 – (sehr unangenehm, dass der schwarze Springer auf d5, der den Läufer deckt, nicht selbst gedeckt ist; Weiß droht entscheidend Sd2!) Tce8   21. Tc1 – f5   22. Sd2 – Sf6   23. Sxa7 – Ld6

Die kritische Stellung in der Partie. Nur mit 24. e3 ist hier auf Gewinn zu spielen: Weiß begegnet der Drohung Txe2 und verhindert gleichzeitig das schwarze Gegenspiel mit f5  (Durch den Mehrbesitz der Qualität möchte Schwarz natürlich Linien öffnen, um seine beiden Türme zur Entfaltung kommen zu lassen).

Weiß steht jetzt auf Gewinn, es folgten noch ca. weitere 20 Züge…

Für alle eine spannende (tw. auch anstrengende) Lektion, in der sie erfuhren (besser: erahnen konnten), wie tief und vorausberechnend Großmeister ihre Partien anlegen.

Euer Frank Huneck